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Der Begriff Karate-Do bezieht sich vor allem auf den Prozeß des nie endenden Lernens, des Strebens nach einer letztlich nicht erreichbaren Perfektion. Dies gilt sowohl für die Technik als auch für die damit notwendig verbundene geistige Haltung als einer untrennbaren Einheit. Der Weg ist also das Ziel. Hierin liegt ein sehr hoher Anspruch für die Karatekas, weil es gleichzeitig bedeutet, auf diesem Weg auch sehr kleine Fortschritte als persönliches Glück anzusehen und mit scheinbar Wenigem zufrieden zu sein – und das in einer Zeit eines fast ausschließlich materiellen Verständnisses von Glück.

Hideo Ochi Sensei, der von uns als Großmeister geachtet wird, beschrieb dies in einer sehr schönen Metapher:

Das Glück kommt in Wellen – dazwischen stirbt man tausend Tode.

Karate ist also diese ständige Suche nach mehr eigener Perfektion und nach dem eigenen Weg (= DO). Training ist ein mühsamer Kampf gegen sich selbst und seine eigene Unzulänglichkeit. Nur wer diesen Kampf gewinnt und sich selbst besiegt, ist in der Lage, Karate dauerhaft und lebensbegleitend auszuüben.

Bedingt dadurch, daß in dieser Zeit großes Interesse an sogenannten Kampfsportarten mit dem Ziel der Selbstverteidigung, insbesondere für Frauen besteht, ist es schwierig geworden, die dahinter stehende Philosophie zu vermitteln. Im allgemeinen steht ein sportliches und kommerzielles Interesse der Kampfsportschulen im Vordergrund. Versprechen, auch die Philosophie vermitteln zu können, bleiben häufig Lippenbekenntnisse. In unserer kurzlebigen Zeit mit einem Überangebot an Freizeitsport wird auch häufig Selbstverteidigung mit verschiedenen Anteilen aus sehr unterschiedlichen Kampfkunststilen angeboten. Gerade dadurch kann das eigentliche Ziel der wirklichen Kampfkunst, nämlich die lebenslange Beschäftigung mit nur einem Weg nicht erreicht werden: man kann von allem ein bißchen, aber nichts richtig! Diese Oberflächlichkeit steht dem Karate – Do entgegen. Das Verständnis und die Verinnerlichung der hohen philosophischen und menschlichen Ansprüche treten in den Hintergrund.

Nimmt man die Forderungen ernst, bedeutet dies, den individuellen Weg und den Platz des einzelnen in der Gruppe jederzeit zu achten. Es darf keinen Vergleich besserer oder schlechterer Karatekas geben. Das Sportliche kann nicht im Vordergrund stehen, ebenso wenig das auf dem Weg erreichte Ziel der Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Leider sehen viele Leute in den asiatischen Kampfkünsten in erster Linie die Sportart und nicht die Kunst der Selbstvervollkommnung. Karate kann in diesem Sinne nicht modernisiert werden.

Insofern verbietet es sich von selbst, daß Karate olympische Disziplin sein könnte. Auch die Einteilung in Gewichtsklassen erscheint nicht sinnvoll. Das Training sollte jedem offen bleiben, so daß Anfänger und Fortgeschrittene, Alte und Junge, Frauen und Männer einander gegenüberstehen können. Dies ist jedoch ohne eine durch die Geisteshaltung kontrollierte Technik nicht möglich. Nur so kann bereits im Training vermieden werden, daß ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt entsteht.

– Dr. S. Roeung

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